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Die Stabilität globaler Finanzmärkte gilt in der klassischen Ökonomie oft als Spiegelbild fundamentaler makroökonomischer Indikatoren wie BIP-Wachstum, Fiskaldisziplin oder Geldpolitik. Doch abseits rein ökonomischer Variablen existiert ein exogener Schockfaktor, der die finanzielle Architektur von Staaten tiefgreifend und langanhaltend destabilisiert: der Staatsanleihemarkt-Schock durch geopolitische Konflikte. Eine wegweisende Untersuchung liefert nun empirische Evidenz über die historischen und strukturellen Mechanismen dieses Phänomens.

Unter dem Titel „Wars, Threats, and the Sovereign Bond Market“ haben die Ökonomen Jonathan Federle und Christoph Trebesch (Kiel Institut für Weltwirtschaft) gemeinsam mit Robin Greenwood (Harvard Business School), Josefin Meyer (DIW Berlin) und Carmen Reinhart (Harvard Kennedy School) die bislang umfassendste historische Analyse vorgelegt. Auf Basis von Daten aus zwei Jahrhunderten und über 90 Ländern dokumentiert das Arbeitspapier fundamentale Gesetzmäßigkeiten, die den Staatsanleihemarkt-Schock als makrofinanzielle Multikrise entschlüsseln (Das Arbeitspapier finden Sie hier).

Der Staatsanleihemarkt-Schock als globale Systemkrise

Militärische Konflikte sind keine temporären Anomalien der Historie, sondern eine Konstante. Seit dem Jahr 1870 verging kein einziges Kalenderjahr ohne kriegerische Auseinandersetzungen an mindestens einem Ort der Erde; in über 90 Prozent dieser Jahre flammten neue Konflikte auf. Trotz dieser Omnipräsenz war die quantitative Erfassung der langfristigen Konsequenzen auf staatliche Finanzierungsbedingungen bislang lückenhaft. Mithilfe des neu entwickelten External Bond Index (EXBI), der über 300.000 monatliche Preisbeobachtungen von in US-Dollar und britischen Pfund denominierten Staatsanleihen aggregiert, ist es dem Forschungsteam gelungen, diesen spezifischen Staatsanleihemarkt-Schock präzise zu isolieren.

Die Ergebnisse verdeutlichen das systemische Ausmaß: Ein historisch typischer Anstieg globaler Kriegsaktivitäten senkt die Renditen für Investoren am globalen Markt für Staatsanleihen im Durchschnitt um rund 5 Prozentpunkte. Volkswirtschaftlich entspricht diese Dynamik den verheerenden Ausmaßen einer schweren globalen Rezession. Die Last dieses Schocks verteilt sich asymmetrisch auf zwei Kernakteure des Finanzsystems:

  • Die Investorenseite: Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften, Banken sowie private Haushalte erleiden durch den abrupten Verfall der Anleihekurse massive Vermögensverluste.
  • Die Emittentenseite: Souveräne Schuldner – also Regierungen – sehen sich mit sprunghaft ansteigenden Refinanzierungskosten konfrontiert. Dieser Staatsanleihemarkt-Schock trifft die fiskalische Tragfähigkeit genau in jenem Moment, in dem die öffentlichen Haushalte durch rüstungs- oder krisenbedingte Ausgaben ohnehin maximal strapaziert sind.

Die empirische Tragweite der Ergebnisse ist bemerkenswert: Kriegerische Ereignisse erklären isoliert betrachtet etwa 5 Prozent der Gesamtschwankungen globaler Anleiherenditen im unmittelbaren Schockjahr. In den darauffolgenden drei Jahren steigt dieser Erklärungsanteil sogar auf über 10 Prozent an. Ein Staatsanleihemarkt-Schock wirkt somit nicht als kurzfristiges Marktpreisevent, sondern als struktureller Treiber mittelfristiger Volatilität.

Kriege auf dem eigenen Territorium: Katalysatoren für Marktcrashs

Während die globalen Auswirkungen signifikant sind, eskaliert das ökonomische Risiko dramatisch, sobald ein Staat direkt zum Kriegsschauplatz wird. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit für ein einzelnes Land, einen Krieg auf dem eigenen Territorium zu erleben, historisch bei moderaten 3 Prozent pro Jahr liegt, sind die finanzwirtschaftlichen Konsequenzen verheerend. Rund ein Viertel aller historischen Crashs bei Staatsanleihen – definiert als ein realer Jahresverlust von über 20 Prozent – lässt sich direkt auf kriegerische Handlungen im eigenen Land zurückführen.

Ein solcher lokaler Staatsanleihemarkt-Schock reduziert die Anleiherenditen unmittelbar um fast 10 Prozentpunkte. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit eines Staatsbankrotts (Sovereign Default) in den Folgejahren um rund 7 Prozentpunkte. Diese Zahlen spiegeln ein tiefgreifendes makroökonomisches Versagen wider, wie Christoph Trebesch, Direktor des Forschungszentrums Internationale Finanzmärkte am Kiel Institut, prägnant zusammenfasst:

„Aus Sicht der Finanzmärkte sind Kriege keine isolierten geopolitischen Ereignisse. Sie sind makrofinanzielle Multikrisen. Das BIP bricht ein, die Inflation steigt stark an, die öffentlichen Finanzen verschlechtern sich, und mehrere Krisen treten gleichzeitig auf. Deshalb können Kriege allein einen so unverhältnismäßig großen Anteil der schwersten Crashs in den Märkten für Staatsanleihen erklären.“

Die quantitativen Begleitvariablen dieser Multikrise stützen diese These: Nach dem Ausbruch eines Krieges auf eigenem Staatsgebiet bricht die reale Wirtschaftsleistung (BIP) im Mittel um 12 Prozent ein. Parallel dazu steigen die Verbraucherpreise durch angebotsseitige Schocks und monetäre Staatsfinanzierung um durchschnittlich 20 Prozent. Die physische Zerstörung von Produktivkapital, die explosionsartige Ausweitung öffentlicher Defizite sowie das synchrone Auftreten von Währungs- und Schuldenkrisen potenzieren den Staatsanleihemarkt-Schock zu einer existentiellen Bedrohung für die staatliche Solvenz.

Die Asymmetrie der Einschüchterung: Die Ökonomie der Drohung

Ein besonders innovativer Aspekt der Studie liegt in der Isolation von Effekten, die rein psychologischer Natur sind: der Analyse von militärischen Drohungen ohne reale Kampfhandlungen. Auf Basis einer umfassenden Datenbank von über 10.000 diplomatischen und militarisierten Zwischenfällen seit dem frühen 19. Jahrhundert decken die Autoren eine fundamentale Markt-Asymmetrie auf.

Explizite militärische Drohungen lösen einen signifikanten Staatsanleihemarkt-Schock aus – allerdings ausschließlich beim bedrohten Land. Während dessen Anleihekurse unmittelbar sinken (und die Renditen steigen), zeigen die Wertpapiere des aggressiven Staates kaum Reaktionen. Der ökonomische Transmissionskanal läuft über die risikobasierte Neubewertung: Eine Drohung verschiebt die Wahrscheinlichkeit, dass das bedrohte Territorium zum künftigen Kriegsschauplatz wird, während das Territorium des Aggressors geschützt bleibt. Die Märkte preisen dieses exogene Risiko präzise und selektiv ein.

Diese Dynamik reflektiert zudem bestehende geopolitische Machtstrukturen. Militärische Drohungen gehen historisch meist von größeren, systemisch dominanten Volkswirtschaften aus, die Druck auf kleinere Staaten ausüben. Zu den häufigsten Aggressoren im Datensatz zählen Russland, die USA, das Vereinigte Königreich, China und Frankreich. Die primären Zielscheiben dieser Drohungen waren historisch Russland, die Türkei, die USA, China und Japan.

Mitautor Jonathan Federle betont die geopolitische Relevanz dieses Befundes:

„Das ist der erste systematische Nachweis dafür, dass ein Land die Anleihekurse seiner Gegner allein durch die Androhung von Gewalt senken kann. Militärischer Druck wirkt nicht nur durch tatsächliche Kampfhandlungen, sondern auch über Finanzmärkte. Das legt nahe, dass Sicherheit und Abschreckung einen messbaren ökonomischen Wert haben – und dass die Kosten der Einschüchterung das bedrohte Land treffen, typischerweise die schwächere Seite, nicht denjenigen, der die Drohung ausspricht.“

Ein Blick nach vorn: Wie Staaten den Staatsanleihemarkt-Schock abwenden können

Die Erkenntnisse der Kiel Defence Economics Initiative zwingen zu einer fundamentalen Neubewertung staatlicher Risikoaufschläge. Ein Staatsanleihemarkt-Schock ist kein reines Marktphänomen, sondern das finanzwirtschaftliche Symptom tiefgreifender geopolitischer Krisenherde.

Für die volkswirtschaftliche Praxis bedeutet dies: Verteidigungsfähigkeit, strategische Allianzen und glaubwürdige Abschreckung sind keine rein defensivpolitischen Variablen. Sie sind fundamentale Säulen der ökonomischen Stabilität, da sie präventiv jene Risikoaufschläge minimieren, die durch Androhungen von Gewalt entstehen. In einer zunehmend multipolaren Weltordnung wird die Fähigkeit, einen Staatsanleihemarkt-Schock abzuwenden, zunehmend zu einem entscheidenden Kriterium für die finanzielle Unabhängigkeit von Staaten weltweit.