Perspektive EFH: Das klassische Einfamilienhausgebiet der Nachkriegsjahrzehnte galt lange Zeit als Inbegriff des privaten Glücks: Ein eigenes Haus im Grünen, viel Platz für die Kinder zum Spielen und eine feste, beständige Nachbarschaft. Doch die Quartiere, die vor allem zwischen den 1950er und 1980er Jahren entstanden sind, stehen heute vor einer stillen, aber fundamentalen Krise. Die Kinder sind längst ausgezogen, Lebenspartner verstorben und die einst lebendigen Familiendomizile werden heute oft nur noch von einer einzigen, älteren Person bewohnt.
Es herrscht eine zunehmende Unternutzung von wertvollem Wohnraum – und das mitten in einer Zeit, in der bezahlbare Wohnungen in fast allen Städten und Gemeinden händringend gesucht werden.
Das Land Niedersachsen schaut bei dieser Entwicklung nicht länger tatenlos zu. Mit einer gezielten Initiative packt das Wirtschaftsministerium das Problem an der Wurzel und fördert den Aufbau einer landesweiten Beratungs- und Koordinierungsstelle. Unter dem Titel „Perspektive EFH“ sollen Kommunen fortan aktiv dabei unterstützt werden, die verborgenen Potenziale dieser gealterten Siedlungen für eine nachhaltige, zukunftsorientierte Wohnraumentwicklung zu erschließen.
Die große Diskrepanz: Demografischer Wandel trifft auf Wohnungsmangel
Der demografische Wandel verändert die Struktur unserer Gesellschaft in rasantem Tempo. In den Einfamilienhausgebieten der 50er bis 80er Jahre führt dies zu einer paradoxen Situation: Auf der einen Seite stehen riesige Wohnflächen zur Verfügung, die energetisch oft nicht auf dem neuesten Stand und für die älteren Eigentümer im Alltag kaum noch alleine zu bewirtschaften sind. Auf der anderen Seite fehlen in den Kommunen bezahlbare, barrierefreie Wohnungen für Senioren sowie flexibler Wohnraum für junge Familien und Alleinerziehende.
Hier setzt das Projekt „Perspektive EFH“ an. Es geht nicht darum, diese historisch gewachsenen Viertel abzureißen oder radikal zu verändern, sondern sie klug und vorausschauend von innen heraus weiterzuentwickeln. Ziel ist es, Wohnformen zu etablieren, die den veränderten sozialen Bedürfnissen gerecht werden und gleichzeitig die ambitionierten Klimaschutzziele der Gegenwart in den Blick nehmen. Das bedeutet konkrete Unterstützung bei der Entwicklung wohnungspolitischer Strategien, der Ausschöpfung von Umbaupotenzialen (z. B. durch die Teilung von Häusern in Einliegerwohnungen) und der Stärkung sozialer Nachbarschaften.
„Mit dem Projekt ‚Perspektive Einfamilienhaus‘ ermutigen wir die Kommunen in Niedersachsen dazu, den vorhandenen Wohnraumbestand klug und zukunftsorientiert zu nutzen. Viele ältere Einfamilienhausgebiete bieten enorme Chancen – für bezahlbaren Wohnraum, für lebendige Nachbarschaften und für mehr Klimaschutz. Die neue Beratungsstelle wird diese Potenziale sichtbar machen und die Kommunen dabei unterstützen, diese gemeinsam mit den Menschen vor Ort in konkrete Lösungen zu überführen.“
— Grant Hendrik Tonne, Niedersächsischer Wirtschaftsminister
Starke Partnerschaft für den Wandel: 160.000 Euro für drei Jahre
Um dieses Mammutprojekt Perspektive EFH auf solide Füße zu stellen, setzt das Land auf geballte Expertise aus der Praxis. Träger der neuen Beratungs- und Koordinierungsstelle ist das FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V. (Bundesvereinigung) mit Sitz in Hannover. Der Verein verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Initiierung und Begleitung innovativer Wohnprojekte und sozialer Nachbarschaften.
Das niedersächsische Wirtschaftsministerium unterstützt die Initiative mit einer Anschubfinanzierung in Höhe von 160.000 Euro über eine geplante Laufzeit von zunächst drei Jahren. Diese Mittel fließen direkt in den Aufbau von Beratungsstrukturen, um den Kommunen ein maßgeschneidertes Instrumentarium an die Hand zu geben.
Ein starkes Netzwerk und konkrete Hilfen für die kommunale Praxis
Viele Städte und Gemeinden stehen vor denselben Fragen: Wie spricht man Eigentümerinnen und Eigentümer sensibel auf das Thema Wohnraumveränderung an? Welche baurechtlichen Möglichkeiten gibt es, um Einfamilienhäuser unkompliziert in Zweifamilienhäuser umzuwandeln oder Grundstücke maßvoll nachzuverdichten? Wie stärkt man das soziale Miteinander im Quartier?
Die neue Koordinierungsstelle zur Perspektive EFH fungiert hierbei als zentraler Dreh- und Angelpunkt und plant eine breite Palette an praxisnahen Unterstützungsangeboten:
- Praxisnahe Arbeitshilfen: Erstellung von fundierten Informationsmaterialien, Leitfäden und konkreten Werkzeugen für die kommunale Planungspraxis.
- Wissenstransfer und Qualifizierung: Durchführung von Fachveranstaltungen, interaktiven Workshops und Exkursionen zu gelungenen Best-Practice-Beispielen.
- Landesweites Netzwerk: Aufbau einer Plattform für den direkten Erfahrungsaustausch unter niedersächsischen Kommunen, um voneinander zu lernen und Synergien zu nutzen.
- Bürgerbeteiligung & Kommunikation: Beratung bei der oft sensiblen Öffentlichkeitsarbeit, um die Bürgerinnen und Bürger vor Ort von Beginn an in den Prozess einzubinden und Ängste zu nehmen.
- Wanderausstellung: Konzeption einer eigens gewidmeten Ausstellung unter dem Titel „Neue Perspektiven für Einfamilienhäuser“, die direkt in den Kommunen vor Ort Station machen kann, um für das Thema zu sensibilisieren.
Fazit: Innenentwicklung vor Außenentwicklung
Die Initiative „Perspektive EFH“ setzt ein deutliches Zeichen für das städtebauliche Prinzip „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“. Statt immer neue Baugebiete auf der grünen Wiese zu erschließen, wertvolle Flächen zu versiegeln und teure neue Infrastruktur zu schaffen, lenkt das Projekt den Fokus auf die Reaktivierung und Optimierung bestehender Ressourcen. Wenn es gelingt, ältere Einfamilienhausgebiete zu flexibleren, Generationen verbindenden und energetisch sanierten Quartieren weiterzuentwickeln, gewinnt die Gesellschaft gleich dreifach: sozial, ökologisch und ökonomisch.
Kontakt & Informationen für interessierte Kommunen
Städte, Gemeinden und Landkreise in Niedersachsen, die die Potenziale ihrer älteren Wohngebiete aktivieren möchten, können ab sofort nähere Informationen zum Projekt und den Beratungsmöglichkeiten anfordern:
- Institution: FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V. (Bundesvereinigung)
- Anschrift: Hildesheimer Straße 15, 30169 Hannover
- Ansprechpartnerin: Dr. Romy Reimer (Geschäftsführung)
- Telefon: 0511-165910-40
- E-Mail: r.reimer@fgw-ev.de